Glückwunsch, Europa: Das Internet hat jetzt VIP-Plätze
Die Europäische Union sagt, sie schütze die Netzneutralität, sagt, Datenverkehr solle ohne Diskriminierung, Sperren, Drosselung oder Priorisierung behandelt werden, und sagt, Bürger hätten das Recht, auf rechtmäßige Inhalte und Dienste ihrer Wahl zuzugreifen, was beruhigend klingt, bis man bemerkt, dass der ganze Trick in dem Wort „rechtmäßig“ steckt.
Österreichs RTR präsentiert jetzt 5G-Network-Slicing.
Ein Slice ist eine virtuelle Spur innerhalb des 5G-Netzes, gebaut, um verschiedenen Diensten unterschiedliche technische Eigenschaften zu geben, etwa Geschwindigkeit, Latenz, Zuverlässigkeit oder Sicherheit.
Theoretisch kann das für Notfalldienste, medizinische Systeme, Industriemaschinen und kritische Infrastruktur sinnvoll sein. Praktisch schafft es das perfekte technische Vokabular für ein Zwei-Klassen-Internet, denn sobald das Netz so aufgeteilt werden kann, fehlt nur noch die übliche Parade an Beratern, die erklären, warum das keine Diskriminierung ist, sondern „optimierte Konnektivität“.
Und nein, 4G war auch nie irgendein unschuldiges Waldtier, das aus einem Bach trinkt.
LTE hatte bereits Verkehrsdifferenzierung durch Bearer und Qualitätsklassen, was bedeutet, dass bestimmte Dienste schon unterschiedlich behandelt werden konnten, aber 5G-Slicing macht das ganze Arrangement sauberer, flexibler, leichter verkäuflich und leichter zu verpacken.
IPv4 und IPv6 sind das Adressierungssystem darunter. Sie entscheiden, wie Geräte und Websites gefunden und erreicht werden, während Sperren meist über DNS, IP-Routing, TLS-Metadaten, App-Stores, Registrare, CDNs, Zahlungssysteme oder schlichten rechtlichen Druck auf Anbieter passieren.
Der breitere Digital Networks Act der EU bildet den größeren politischen Rahmen.
Er verspricht Harmonisierung, Investitionen und moderne Infrastruktur, wie immer.
In Wirklichkeit wollen Telekomunternehmen planbare Einnahmen und priorisierte Dienste, Regulierer wollen Werkzeuge, die Kommission will zentralisierte Steuerungsmacht, und Bürger sollen die Zukunft beklatschen, während sie still entdecken, dass das öffentliche Internet zum billigen Abteil hinter der Küche wird.
Der Rest der Welt ist ebenfalls nicht gerade eine Galerie von Heiligen:
Die Vereinigten Staaten haben es geschafft, erneut bundesweite Netzneutralitätsschutzregeln zu verlieren, nachdem ein Gericht entschied, dass der FCC die Befugnis fehlte, sie wiederherzustellen, was die amerikanische Version von Freiheit ist.
Kanada definiert Netzneutralität immer noch sauberer und besteht darauf, dass Internetverkehr gleich behandelt werden sollte, mit wenig oder keiner Manipulation, Einmischung, Priorisierung, Diskriminierung oder Bevorzugung.
Indien baute starke Regeln gegen diskriminierende Behandlung auf und zögerte dann, als 5G-Slicing auftauchte, weil jedes Prinzip irgendwann auf eine Telekomlobby mit einer PowerPoint trifft.
Brasilien schrieb Netzneutralität in seinen Marco Civil da Internet, während autoritäre Staaten wie China und Russland sich die Poesie sparten und direkt zu Zensur, Abschottung und Bestrafung übergingen.
Europa bevorzugt derweil die respektable, bürokratische und matschige Methode.
Erheben wir ein Glas auf das neue europäische Internet: offen im Prinzip, gesliced im Design und sperrbar durch Verfahren und „rechtmäßige“ Inhalte.